KI, T-Shirts und die digitale Lieferkette
Hey, aber erst mal kurz feiern!
Seit ein paar Tagen läuft bei mir eine Schnittstelle zwischen Buchhaltungs-Tool und Zeiterfassung – ein Wunsch, den ich jahrelang mit halbgaren Workarounds beworfen hatte. Jetzt macht’s ein Python-Skript zuverlässig, automatisch und ohne dass ich einen Entwickler beauftragt hätte. Ich bin Designer, kein Programmierer. Ich kann Python gerade mal lesen, wenn überhaupt.
Und nun zum T-Shirt: Manchen Marken vertraue ich, weil sie Transparenz versprechen. Bei anderen sehe ich schon am Preis, dass da irgendwo jemand die Kosten trägt, die dafür nicht fair entlohnt wird. Dazwischen bewege ich mich – ich kann nicht bei jedem Kauf die moralisch makellose Wahl treffen, das ist schlicht nicht mit meiner Lebensrealität zu vereinbaren.
Und genau so mache ich das mit KI.
Was KI für mich konkret verändert hat – und was nicht
Das Python-Skript war kein einmaliger Glücksgriff. Ich habe mit KI auch einen MwSt-Rechner und einen Briefmarken-Assistenten und eine Übersichtsseite für eine Icon-Bibliothek mit über 1.000 Icons „selber gebaut“. Hintergründe in InDesign erweitern lassen, SEO-Metabeschreibungen schreiben lassen. Buchhaltungsbelege per Handyfoto erfassen – überall macht KI das Leben leichter.
Das sind keine kreativen Glanzleistungen. Das sind Jobs to be done.
Und KI so: 🍻 Hold my beer!
Die stundenlangen Photoshop-Freistellungs-Orgien aus meiner Diplomarbeit? Denen weine ich kein einziges Tränchen nach. Was ich jedoch nicht tue: mir echte Designarbeit abnehmen lassen. Bis ich einer KI erklärt habe, was ich will, habe ich es selbst gemacht – und deutlich besser. Aber für alles drumherum gilt: KI als Nachbrenner, nicht als Autopilot.
Ein Aspekt, der weniger diskutiert wird: KI als Sparringspartner. Nicht „schreib mir acht Texte" – das geht auch, ist aber der eher langweilige Teil. Interessanter wird es, wenn man fragt: Hier ist mein Workshop-Konzept. Wo siehst du Probleme? Und jetzt bitte wirklich kritisch, nicht nett. Die KI soll auch mal widersprechen. Meistens kommt dabei wirklich etwas zurück, das mich weiterbringt.
Das alles macht Spaß. Aber dann ist da noch diese andere Frage – die, die mich nicht loslässt, seit ich KI wirklich benutze.
Hey, cooles Tool. Wer hat das eigentlich genäht?
Die digitale Lieferkette – und warum das eine Nachhaltigkeitsfrage ist
Energieverbrauch, Datenschutz, Urheberrecht – das sind berechtigte Fragen, die ich hier nicht abhandeln will. Mein Fokus liegt auf etwas, das mir noch viel zu leise thematisiert wird: den Menschen, die diese Systeme erst möglich gemacht haben.
Irgendwo sitzen Menschen – in Ländern mit niedrigen Löhnen und wenig Arbeitsschutz – und sortieren stundenlang Trainingsdaten. Sie labeln Bilder, kategorisieren Inhalte, bewerten Ausgaben. Das ist die unsichtbare Grundlage jedes Sprachmodells, jedes Bildgenerators. Und ich weiß es meistens nicht.
Klingt bekannt? Richtig. Das ist mein digitales T-Shirt.
Nennen wir es digitale Lieferkette. Nicht weil ich einen neuen Begriff brauche, sondern weil der alte trifft, was gemeint ist: Auf wessen Schultern steht das Tool, das ich gerade benutze? Welche Arbeit – und welche Arbeitsbedingungen – stecken darin?
Ich beschäftige mich seit Jahren mit Nachhaltigkeit – im Sinne der 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, also weit über Ökologie hinaus. Und je mehr ich KI benutze, desto klarer wird mir: Die digitale Lieferkette berührt mindestens drei dieser Ziele direkt.
SDG 8 – Menschenwürdige Arbeit. Das Fairwork-Projekt der Universität Oxford hat über 700 Beschäftigte auf digitalen Arbeitsplattformen befragt. Ergebnis: Keine der 15 untersuchten Plattformen erfüllt auch nur das absolute Minimum bei fairer Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung. Die Menschen, die KI-Systeme mit Trainingsdaten füttern, tun das oft unter Bedingungen, die wir für physische Güter längst nicht mehr akzeptieren würden. Was wir beim T-Shirt zumindest manchmal hinterfragen, fragen wir beim KI-Tool nie.
SDG 10 – Weniger Ungleichheiten. Die Wertschöpfung aus KI konzentriert sich bei einer Handvoll Unternehmen im globalen Norden. Die Arbeit, die diese Wertschöpfung erst ermöglicht, wird überwiegend in Ländern des globalen Südens geleistet – zu einem Bruchteil der Kosten, ohne vergleichbaren Schutz. Das ist keine neue Dynamik. Aber sie wird durch KI in einer neuen Dimension reproduziert.
SDG 12 – Nachhaltige/r Konsum- und Produktion. Als Nutzerin oder Nutzer digitaler Tools habe ich kaum Möglichkeiten zu verstehen, was ich eigentlich konsumiere. Bei einem T-Shirt gibt es zumindest manchmal ein Label. Bei meinem KI-Abo gibt es AGB, die niemand liest, und Marketingversprechen, die niemand prüft. Bewusster Konsum setzt Transparenz voraus. Die fehlt hier strukturell.
Andere SDGs müssten wir sicher auch noch betrachten, ich denke z. B. an Wasserverbrauch [SDG 6], Massnahmen zum Klimaschutz (woher kommt der Strom?) [SDG 13] und natürlich Geschlechtergleichheit [SDG 5] – Frauenbilder von KI anyone? Geschlechtergleichheit und KI wäre eine ganze Artikelserie. Da ich mich in diesem Artikel aber auf die digitale Lieferkette fokussiere, bleibt es bei der Anmerkung.
„Transparent“ ist kein Siegel
Für physische Produkte gibt es gesetzliche Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette – in Deutschland und auf EU-Ebene. Beide werden gerade eher aufgeweicht als gestärkt. Für die digitale Dimension fehlt Vergleichbares. Der 2025 Foundation Model Transparency Index Index der Stanford University zeigt: Die KI-Branche ist bei Trainingsdaten und Arbeitsbedingungen systematisch intransparent – und wird es von Jahr zu Jahr mehr. Der Rest ist freiwillig. Und freiwillig passiert hier wenig.
Ich fordere ein Siegel – mit Zähnen. FairTrade funktioniert, weil dahinter Standards, Audits und echte Konsequenzen stehen. Nicht weil Konzerne es freiwillig nett finden. Wir brauchen dasselbe für KI: unabhängige Zertifizierung, überprüfbare Kriterien, Haftung. Solange das fehlt, ist „Transparenz“ bei KI-Unternehmen das, was „grün“ bei Fast Fashion ist – ein Versprechen ohne Substanz, gedruckt auf dem Etikett.
Wer alles, was KI berührt, pauschal als böse und wertlos abtut, macht es sich zu leicht. Das ist kurzsichtig. Und – ich haue es mal raus – ein bisschen weltfremd. KI ermächtigt mich, Dinge zu tun, die ich alleine nicht könnte. Das ist keine Kleinigkeit. Aber Ermächtigung und Verantwortung gehören zusammen.
Als Designer:innen hinterfragen wir Zustände und Annahmen. Wir fragen, für wen wir gestalten, mit wessen Mitteln, mit welchen Konsequenzen. Diese Frage gilt auch für unsere Tools. Ich persönlich? Ich weiß noch nicht genau, welchem KI-Unternehmen ich am wenigsten misstraue. Bei Fair-Fashion-Labels habe ich mehr Überblick. Oder bilde ich mir das nur ein?
Dieser Text ist in leicht abgewandelter Form als Beitrag im Perspektivenblog des BDG erschienen.
Dort denken wir in einer kleinen Reihe aktuell mit Kolleg:innen darüber nach, wie KI unseren Beruf verändert. Lest doch gern mal rein, z.b. den Text von Miriam oder Marc!