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Wahlplakate im Design-Check – Kommunalwahl 2019

08.05.2019Simon Wehr

Seit 2012 nehmen wir regelmäßig Wahlplakate im Kiez unter die Lupe. Diese Tradition verpflichtet natürlich, sodass ich schon in der Stadt nach der Ausgabe 2019 gefragt wurde. Also raus durch den Kiez auf Fotosafari und schauen, was mir an Plakaten so entgegenlächelt.

Das große Rätsel

Um etwas Abwechslung in die Sache zu bringen, spielen wir ein Spiel. Welche Partei verbirgt sich hinter welchem Plakat?

BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN sind schon länger so kess, ohne Wortmarke (Parteinamen) zu werben, also gilt für alle: No-Logo!
Und da die Grünen und die FDP einen eindeutigen Farbvorsprung haben, wandeln wir alle Plakate in Graustufen. Das wird jetzt ein wenig trist werden, aber 50 Töne in Grau waren doch auch mal aufregend, oder?

Los gehts zum großen zu-wem-gehört-dieses-Plakat-Rätselspaß!
Wer alle Antworten richtig hat, darf sich bei uns im Büro einen Bleistift abholen!

wahplakate2019mz-no-logo-grau_2

Lassen wir das mal etwas wirken …

Und?

Einzelkritik

Plakat 1

Hier ist alles sehr dynamisch, geradezu jugendlich. Thema: Bezahlbarer Wohnraum. Bitte mal Handzeichen, welche Partei das gerade nicht fordert?

Das stylish illustrierte Bildmotiv passt gut zum Ton, ist aber inhaltlich unglücklich: Der hier abgebildete Egg Chair von Arne Jacobsen hat chiffrierten Mainz-Bezug, aber kostet locker 20 Monatsmieten im WG-Zimmer – eventuell nicht das perfekte Motiv zum Thema. Das ist ein unbeabsichtigter Fehlgriff, aber Profis hätten das verhindern können.
Offensichtlich muss diese Partei dafür kämpfen in den Stadtrat zu kommen und will auf jeden Fall anders sein, als die etablierten Parteien. Sie hat auf anderen Plakaten klare Ziele, die sie im durchgängigen Designstil präsentiert.

Plakat 2

Das gleiche Thema, aber hier geht es wohl eher ums Eigenheim, um aus den hohen Mieten von Plakat 1 herauszukommen. »Mainz kann mehr« kann nur behaupten, wer in der Opposition sitzt und ist dabei etwa so schmissig, wie die Humba an Aschermittwoch.

Schräge Ränder oben und unten dynamisieren das Bild der locker hingeschmissen Stadtplanungsskizze, die Überschrift wurde mit einem Farbverlauf unterlegt, um sich abzuheben. Der formale Aufbau wird in der Kampagne genutzt, um hier beliebige (und beliebig wirkende) Bildmotive mit den zugehörigen Slogans einzubinden. Maximale Anschlussfähigkeit, bei maximaler Unverbindlichkeit und bloß niemandem wehtun, scheint hier die Devise.

Plakat 3

Schulranzen — Zukunft — investieren. Das klingt groß und soll so auch nicht weniger als »die Welt verändern«. Diese Partei kümmert sich darum. Verheißungsvoll, denn ich kann mich dann entspannt zurücklehnen?

Angenehm fällt mir ins Auge, ein Plakat ohne schräge Schriften und knallige Farben zu sehen. Mehr Weißraum für alle! Die Schrift ist in ihrer fetten Art typisch fordernd, das Plakat bewusst nicht »fancy« designt. Diese Partei protestiert und das mit wenig Geld, so die Botschaft. Andere Motive dieser Serie sind weniger gelungen.

Plakat 4

Klar, wer gut gegessen hat, kann besser lernen. Nicht so klar: Welche konkreten Taten zu diesem Slogan gehören. Mehr Sternegastronomie und bessere Volkshochschule?
Konsequentes Modul, schon länger: Lesetext, für alle, die sich auf Armlänge an das Plakat heranwagen. Hier wird erklärt, dass es um besseres Schul- und Kitaessen geht. Das funktioniert nur für Fußgänger·innen, nicht im Vorbeifahren, klar.
Die Banane als Schlampermäppchen ist ein originelles Bild, das mir aber nicht so recht schmecken will.

Diese Partei will verständlich und eindeutig sein, Haltung zeigen, das lese ich im Kampagnenwort »KLAR!«, das auf allen Plakaten konsequent auftaucht. Und für alle, die daran noch Zweifel haben, oder diese wieder säen wollen: Mainz liegt in Europa, klar!

Die Ästhetik ist schön wild und grungy, sodass sie noch als jung und dynamisch durchgehen kann. Aber eben auch so gezähmt und brav, dass mein lässiger Anzug daran keinen Schaden nimmt. Hier spricht eine selbstsichere, etablierte Partei, die sich gerne noch etwas Protestkultur aus der Vergangenheit bewahrt.

Plakat 5

Ganz ehrlich? Das ist professionell bis zum Einschlafen. Alles richtig gemacht und doch so glatt wie Teflon. Könnte auch ein Buchtitel sein »Kreativideen mit Alexandra«.

Die Serie läuft so: »Ich mag Mainz …« und dann ein beliebiges Adjektiv einsetzen. Die Farbigkeit des Hintergrunds lässt sich mit keiner Partei so recht in Verbindung bringen. Der Slogan ist lokal allerdings bekannt und für eine Kommunalwahl auch eine schöne, positive Aussage. Trotzdem beschleicht mich ein Gefühl von »Bitte weiterschlafen, es ist alles in Ordnung.« Bloß niemanden mit Veränderungen verunsichern. Auch das poesiealbumhafte Herzchen als Tüpfelchen auf dem I passt zum verträumten Bild.
So kann nur sprechen, wer das Ruder in der Hand hält und sich keine Sorgen macht, dass dem so bleibt.
Mich persönlich würden Inhalte und ein paar Ecken und Kanten ja mehr interessieren.

Plakat 6

Sind wir hip oder seriös? Diese Partei kann sich nicht entscheiden, gibt sich jung und unkonventionell und gönnt sich zu poppigen Knallfarben noch comichafte Aura-Speedlines. Passt aber nicht, wenn der Kandidat so steht, wie beim Fotoshooting für seinen Geschäftsbericht. Dazu ganz volksnah ein Trauspruch: Schenk noch einen ein, sonst sinkt die Lebensqualität.

Das finde ich mutig, denn in der Mainzer Altstadt gibt es viele Anwohner·innen, deren Lebensqualität gerade durch die Förderung der Weinkultur regelmäßig sinkt. Dass diese Partei freie Theaterprojekte und Bandprobenräume fördern will, glaube ich diesem Plakat nicht mal für ein Piffchen.

PS: Der Spitzenkandidat will auf einem anderen Plakat »unseren Kindern mehr als nur Schulden« vererben, was schon eher eine Ansage ist. Zusammen mit der Unterzeile »Wer Mainz liebt, macht es besser« schwingt hier die Botschaft mit, dass man gerne an dieser Stadt mitarbeiten möchte.

Plakat 7

Aufräumen, durchlüften, den Filz abschaffen. Hier spricht die Opposition! (Protestwähler herzlich willkommen.)
Der Schräge Winkel, der Kreisbutton, die weiße, ultrabrave Schrift – Ist dies die Partei von Plakat #2? Die Nähe ist frappierend und eventuell beabsichtigt?

Anhand der anderen Plakate wird klar, dass es eine kleine Partei mit wenig Budget ist, denn sie sind unstet und von eher Eigenbau-Qualität.
Aber: Die klare Botschaft der verschiedenen Motive »Mit uns weniger … [dafür] mehr …« zieht sich durch. Anprangern und Lösung mitliefern, nicht einfach nur Fordern. Als Designer bluten mir die Augen, als Bürger bekomme ich den Eindruck einer konstruktiven Oppositionspartei. Also doch nicht nur Protestpartei?

 

Politik als grauer Einheitsbrei?

Auch ohne Logo und Farbe lassen sich Zuordnungen treffen. Wie üblich wollen die großen Volksparteien in erster Linie niemandem wehtun. Aber da beide Parteien um ihre Bedeutung kämpfen, halte ich das für die falsche Strategie, denn am Ende wählt niemand die SPD.

Im Kommunalwahlkampf ist es natürlich unfair, nur die Plakate zu beurteilen, denn hier mangelt es vielen an Kraft und Budgets für wirklich perfekte Kampagnen. Mit den engagierten Ehrenamtler·innen reden, sollte für die persönliche Wahl den Ausschlag geben.

 

Ehrenrunde:

Schauen wir uns noch einmal ganz schnell einige Kandidaten für die Ortsvorsteher·innen an. In Farbe, aber wieder ohne Logo, weil es so schön ist.

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Kandidat 1

Klar, der ist einfach! Alle stilprägenden Elemente der Kampagne sind auch beim amtierenden Ortsvorsteher zu finden. Das Portrait ist wirklich gut, der Kunstgriff, dass der Kopf vor der Schrift steht, gibt dem Plakat zusätzliche Tiefe.

Kandidat 2

Starke Forderung, aber mir fehlt die konstruktive Mitarbeit – verschränkte Arme, die Schrift wirkt auf mich aggressiv. Das Ziel liegt in der treibenden Oppositionsarbeit, vermute ich. Dass wir diese Partei oben schon mit dabei hatten – gestalterisch nicht zu erahnen.

Kandidat 3

Bitte nicht mit der Bundespartei in Verbindung bringen, wie bei Plakat 5 oben. Alles passend umgesetzt. Den Namen des Kandidaten kann niemand übersehen und das Foto ist professionell.

Kandidatin 4

Wir kennen den schrägen Winkel von oben, das stumpfe Orange und die uninspirierte Typografie passen ins Bild. Meine Forderung für das Porträt: Weniger flau und grau, mehr Kontrast und Farbe! Ich hoffe, ihre Politik hat mehr Biss, als dieses Plakat.

Kandidat 5

Da wären wir wieder bei der Pop-Art-Partei, die im Kern leider nicht so hip ist, wie die Erscheinung suggerieren will. Der Bezug zur Bundespartei ist klar erkennbar, trotz abweichender Schriftart. Aber es wirkt auf mich einfach lieblos zusammengeklatscht. »Für eine lebenswerte Oberstadt« gibt mir keine Vorstellung, was dieser Mann will. Dann lieber ohne Spruch, wie die anderen.

Kandidatin 5

Der Bezug zum Themenplakat von oben? Diese Partei hat auch schon früher eine Handschrift zu den Kandidaten gesetzt, für den menschlich-nahbaren Touch. Um aber die Seriosität nicht zu gefährden, nimmt man diese Schrift nur für den Vornamen und das persönliche Statement. Ich weiß nicht, was uninspirierter ist: »Hier will ich leben!« oder die knapp an Comic Sans liegende Schrift, die genauso [OpenType-]Alternativlos ist, wie uns Politik manchmal verkauft wird.

Fazit

Es bleibt wie in jedem Jahr: Ein Plakat ist kein Wahlprogramm und einige Parteien befürchten wohl, mit Inhalten nur zu verwirren. Ich finde das nach wie vor falsch. Klare Haltungen sind doch das, was Parteien definieren sollte.
Die Kommunikation und Design werden auf Kommunalebene nicht immer von professionellen Agenturen erarbeitet. Bei einigen Parteien sieht man das (zu) deutlich. Im Großen und Ganzen zeigt das No-Logo-Graubild, dass ein klares Corporate Design (das muss nicht unflexibel sein, aber eindeutig) auf jeden Fall hilft, den Absender zu erkennen.

Mainz — Europa

Die Europawahl geht zumindest was Plakate angeht, im Kommunalwahlkampf leider völlig unter. Mal hier und da ein eher mutloses oder inhaltsarmes Plakat, das ist mir zu wenig, für diese Wahl. Hier erwarte ich von den großen Parteien deutlich mehr Engagement!

Anmerkung:
Meine Auswahl ist ohne Proporzgedanken, unvollständig und nach freiem Gutdünken. Ich hätte auch Plakate der AfD mit aufgenommen, aber die hingen hier in der Mainzer Innenstadt nicht.

Kommentare

  1. #1 Dorothe Mertens 13.05.2019

    So viel Arbeit mit der Interpretation und dem Vergleich (vielen Dank dafür), und so traurig das Ergebnis - grau in grau... Spiegelt die Politik die Gesellschaft wider, so sind wir ebenfalls grau in grau. Traut sich niemand mehr, etwas zu sagen, oder führt die Individualität zum Einheitsbrei? Sind wir alle so "busy", dass wir uns keine Meinung mehr bilden können? Uff, wenigstens zeigt der "Wahl-O-Mat" mir ein eindeutiges Ergebnis. Aber: schwer auszuhalten, diese Entscheidungs-Vielfalt! Und wie bekommen wir wieder Farbe in das Ganze (und zwar bunt, nicht braun)?

  2. #2 Lena Weissweiler 14.05.2019

    Vielen Dank. Wenn Menschen also Politiker den Mut haben zu sagen, wofür die stehen, dann auch ich mit Sicherheit mit viel mehr politischer Begeisterung dabei. Wenn wir allerdings den Eindruck bekommen, dass das Wichtigstes ist, bloß mit niemandem Ärger zu bekommen, dann entsteht leider viel Brei. Und ehrlich gesagt, mir ist es auch lieber, was zu Beißen zu haben. Wenn ich Politiker wäre, dann würde ich mal einen Essay schreiben, einen Rückblick aus dem Jahrr 2035 und aufzeigen sich alles passiert ist, verglichen noch mit 2019. Das würde bestimmt Farbe und Glanz in die Politik einbringen.

  3. #3 Natalie 14.05.2019

    Toll, euer inzwischen traditioneller Design-Check! Habe diesmal tatsächlich schon darauf gelauert... Immer wieder interessant, was euch Profis so auffällt!

  4. #4 Nathalie Zimmermann 21.05.2019

    Wahnsinn! Super! Danke - Mensch - was Ihr Euch wieder für eine Arbeit macht. .... Ist Lustig - bei den einen habe ich in der Banane im ersten Moment immer nur eine Pistole gesehen, und keine Bleistifte -. Gut, dass Du das noch mal aufgeklärt hast. Vielen Dank. Hatte viel Freude beim lesen.

  5. #5 clemotion 22.05.2019

    Euch ein ganz großes Dankeschön. Toll, diese Serie! Die Farbe rauszunehmen und dann zu analysieren, ist sicher auch bei eigenen Designs interessant.

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