Wehr & Weissweiler – Erfolgsfaktor Design

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Designcheck Kommunal-Wahlen 2014 Mainz

24.05.2014Simon Wehr

Ganz Mainz ist derzeit zugepflastert mit Plakaten und ein Bummel durch die Innenstadt gleicht einem Spießrutenlauf, wenn man nicht mit Luftballons, Samentütchen und ähnlich ungewöhnlichen Präsenten wie Flyern etc. überhäuft werden will. Kurz vor der Kommunalwahl wollen wir wieder aus der Sicht des Designers noch schnell einen Blick auf die Plakate werfen.

Die Koalition

SPD

spd

Die Sozialdemokraten stellen seit ewigen Zeiten den Oberbürgermeister und prägen damit die Wahrnehmung der Politik. Das etwas provinziell anmutende Herz mit dem Spruch »Ich mag mein Mainz« ist schon länger ein Aktionszeichen der Mainzer SPD. Irgendwie wollte jemand diesen freundlichen Spruch aber doch etwas an die Zeit anpassen. Und Hey, das ganze jetzt noch in Helvetica Ultra light und das könnte direkt von Jony Ive kommen! In der Gestaltung setzt die SPD auf bewährte Porträt-Plakate mit weißem Fuß und Studio-Fotos, die per Montage vor Mainzer Stadtansichten platziert werden. Macht ja nix, merkt ja keiner. Das Raster wird aber schön konsequent durchgehalten. Das sorgt für Wiedererkennung, zeugt aber auch nicht von übermäßiger Phantasie.
Als Schrift kommt die TheSans zum Einsatz, bewährt aus Funk und Fernsehen und der SPD an sich.
Fazit: Die Gestaltung wirkt klar und gerade noch professionell genug, nicht gerade kreativ, aber wir sind ja auch im gemütlichen Mainz. Die SPD hat ihren starken Aufschlag aus dem OB-Wahlkampf komplett verlassen (vergessen?) und ist vom frischen jungen Ebling mit entsprechendem Design wieder zur alten Tante SPD geworden. Schade, schade, schade.

BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN

diegruenen

Die Mainzer Grünen sorgen mit ihren Konzepten im Stadtrat immer wieder für Schlagzeilen, meistens von konservativen Autofahrern. Ihre Plakatkampagne ist jedoch professionell durchdesignt. Alles ist ein wenig wild, »grungig« und cool. Konsequent eingesetzt wird der Bildhintergrund mit guten Fotos und starker Typo in weiß und gelb. Die Plakate präsentieren natürlich die Kandidaten aber vermitteln auch Inhalte aus dem Wahlprogramm. Das Erscheinungsbild ist derart konsequent und stark, dass die Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN es sich locker leisten kann, ihr Logo nur in Form der Sonneblume zu zeigen und den Namen nur über die Webadresse zu nennen. Chapeau!

Etwas schmerzhaft ist trotzdem der Einsatz des Wortspiels DAINZ. Gekonnt platziert steht auf jedem Plakat auch noch ein Text mit Inhalt. Das sieht hübsch aus, lesen kann man das natürlich nicht. Ich müsste mal genau hinschauen, nicht dass da am Ende Blindtext steht …

Löblich: Die Porträts sind zwar stark bearbeitet, aber nicht so irrsinnnig entstellend weichgezeichnet, wie die der anderen Parteien. Plastik-Hohlkammerplakate sind bei den GRÜNEN natürlich tabu, das ist klar!

Die Schriftwahl deutet erstmal in die typische Richtung Helvetica und konsorten. In der Tat handelt es sich aber um die Benton, die beim OB-Wahlkampf auch schon verwendet wurde. Das gibt ein etwas spannenderes Bild ab, als die Helvetica, Futura und Univers. Mutig ist das aber noch lange nicht.
Fazit: Die GRÜNEN treten stark und selbstbewusst auf. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, mit Inhalten zu werben. Das Design ist professionell und stringent. Ein wenig bemüht wirkt aber der hippe und jugendliche Auftritt. Sooo cool sind deutsche Parteien einfach nicht. Oder doch?

FDP

fdp

In der Mainzer Ampel-Koalition steht die FDP klar für wirtschaftspolitische Themen. Und wie sich das für die FDP gehört, zerreibt sie sich auch gerne an Personal-Diskussionen zur Unzeit, so scheint es. Aber hey, wenn man damit schon wieder ein Plakat füllen kann hat sich es ja gelohnt, gell? Der FDP-Kandidat Huch macht seine eigenen Plakate und hängt in der Innenstadt gerne auch mal A0-Hohlkammerplatten auf, wo sich alle anderen mit der Hälfte begnügen. Sympathisch wirkt das auf mich nicht. Die Gestaltung konzentriert sich auf Kandidatenfotos mit gelbem Hintergrund oder montierten Stadtmotiven und einem transparent-blauen Kasten mit Text – Akzente in gelb unterstrichen und der Rest in weiß. Und schon wieder so eine Ich-tue-niemandem-weh-und-bin-seriös-Schrift. Helvetica Condensed – in Bold, ist einfach überzeugender. Einzelne Plakate greifen Inhalte auf, jedes für sich irgendwie gestaltet, eine klare Linie ist nicht erkennbar. Das Sparschwein ist einfach süß, wie es vor dem Fuchsbau steht. Finanzpolitik zum knuddeln.
Fazit: Grobe Fehler begeht die FDP nur darin, dass sie keine klare Position bezieht. Eine durch die Bundes-FDP ramponierte Marke rettet man so nicht. Einzig die starke gelbe Farbe reißt es ein Bisschen raus, der Rest geht irgendwo im Plakatrauschen unter.

Zwischenbilanz

Um ihre Sitze im Stadtrat zu verteidigen gehen einzig die GRÜNEN in einen starken Kampf und geben sich allergrößte Mühe, eine Marke zu formieren, die als jung, kompetent und inhaltsstark wahrgenommen wird. Die SPD wirkt etwas zu gemütlich um wirklich was zu reißen und die FDP kommuniziert kaum Geschlossenheit.

Die Opposition

Neben der Ampelkoalition sind derzeit vier weitere Parteien im Stadtrat vertreten. Die CDU würde gerne die Opposition verlassen, die ödp dürfte froh sein, ihre drei Sitze zu verteidigen, die Linke hat mit zwei Sitzen noch weniger Stimmen als die *** von ProMainz.

CDU

cdu

Die CDU ist die stärkste Kraft im Stadtrat mit immerhin vier respektive fünf sitzen mehr als SPD / GRÜNE. Das sieht man ihrem Wahlkampf aber nicht an. Ganz dem Markenkern der Konservativen entsprechend kommunizieren die Plakate Seriosität, Kompetenz und Wir machen das was früher gut war, einfach weiter. Die benötigten Zutaten, bewährt seit Jahren auch in der Industrie: Krawatten, Blaue Farbe, Helvetica und blooooß keine Experimente. Die CDU hat dabei seit jeher das Problem, dass ihr Logo gar nicht blau ist. Das schafft fast immer Konflikte, wenn die Plakatgestalter mit Blau als Hauptfarbe arbeiten.
Ja, auch die CDU steht positiv zu Mainz, aber das erkennt man erst auf den zweiten Blick: Das Mainzer Rad, umgekippt und umschlungen von einer etwas zu dünn geratenen Worscht bildet … ja, was denn eigentlich? Nein, das nicht, sondern das Wort »Ja«. Was auch immer uns das nun genau sagen will.

Und natürlich haben auch die Fotografen der CDU erkannt, dass Menschen ohne jegliche Hautporen und Falten total natürlich und jung aussehen und Krawatten niemals von Fotografen ausgewählt werden dürfen. Inhaltlich verlässt sich die CDU auch ganz auf die Kraft ihres Markennamens. »Mainz gestalten« bringt es ja auch wirklich prägnant auf den Punkt, was man will: Regieren, irgendwie, mit irgendwas. Ja.
Fazit: Die CDU verschenkt zumindest auf den Innenstadtplakaten so ungefähr alles, was geht. Die Gestaltung ist so gehalten, dass man über alles nachdenken würde, nur nicht über das Design. (Auch eine Kunst.) Für die Zielgruppe dürfte das aber egal sein. Die Kandidaten schauen freundlich und repräsentieren ihre Partei sehr gut. Jegliche Dynamik wirkt so überzeugend wie Angela Merkels emotionale Ausbrüche.

ÖDP

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Wo sich konservativ und Öko kreuzen und trotzdem weder GRÜN noch CDU bei rauskommt, hat die ödp ihren Platz. Drei davon im Stadtrat. Die Plakate präsentieren Kandidaten und einige hübsche Urlaubs- und Familienschnappschüsse. Irgendwo stehen unglaublich viele Menschen auf dem Kirschgarten rum und lustige Kinder »tun mehr«. »Klare Standpunkte« nennt die ödp das. Nagut. Die ödp ist die einzige Partei die schon so modern ist, QR-Codes auf Ihre Plakate zu drucken, die sicherlich irgendwo hinführten, wenn man sie denn nur scannen würde. (In der Tat ist die Website gar nicht mal ganz schlecht.) Das kräftige Orange wirkt auffällig und erinnert mich eigentlich immer an die CDU. Die Typo ist so lustlos hingeklatscht, wie die Fotos aufgenommen wurden.
Fazit: Die ödp kennt entweder keine Designer oder will keine bezahlen, anders kann ich mir diesen Auftritt nicht erklären.

Die Linke

Die Linke

Ja, spielen die eigentlich eine Rolle in Mainz? In der öffentlichen Berichterstattung sind mir die beiden Stadträte noch nicht aufgefallen. Die Plakate zeigen klar und stark das rot-weiß-schwarz, das wir aus dem Logo kennen. Die Linke wagt es gar, eine Serifenschrift einzusetzen – SAKRILEG! Sie setzt auf die Corporate A, eine Schrift, die Kurt Weidemann für Mercedes entworfen hat und die DAIMLER auch heute noch einsetzt. Na, wenn das keine gelungene Wahl für diese Partei ist, was? Die Linke konzentriert sich eher auf inhaltliche Plakate mit klaren Forderungen (Sozialticket 18€), die allesamt konsequent auf bessere Sozialversorgung zielen. Das Image wird gefestigt, die ordentliche Gestaltung stützt das, ohne »designy« oder schick oder eben teuer zu wirken. Und ganz ehrlich: Von allen Kandidatenfotos der Parteien wirkt mir das Foto der beiden Links-Kandidaten am sympathischten und ehrlichsten.
Fazit: Die Linke gibt sich redlich Mühe, professionell aufzutreten. Den Schrift-Faux-Pas sollte man nicht überbewerten, der Rest ist klar, gut verständlich und angemessen gestaltet. Alles wirkt stimmig und ehrlich.

Oppositionsbilanz

Insgesamt wirken die Oppositionsparteien etwas lustlos, wirklich bei der Wahl zu gewinnen. Mutig ist hier niemand, wie so oft in der Politik. Lediglich bei der Linken kann ich vom Design her Vertrauen fassen.

Schlusswort

Insgesamt ist es schade, dass Typografische Finesse in allen Parteien noch ein Fremdwort ist und die Schriftwahl immer nur auf die Werte Vertrauen, Zuverlässigkeit und Seriosität reduziert wird und somit klischeehaft immer bei soliden, kampferprobten Grotesken rumeiert, die ja niemandem wehtun dürfen. Ich hoffe, dass die deutsche Parteienlandschaft hier auch mal gute Typografen ihre Arbeit machen lässt.

PS:

Die Piraten haben einige sehr starke Plakate in Mainz gehängt, die ich aber alle der Europawahl zuordne und von daher hier nicht erläutere.

PPS:

Wer sich von der Kampagne der Pro-Mainz-Vögel ein Bild machen will, soll das tun. Die Gestaltung ist gar nicht ganz unpassend. Ich kann über solche Parteien hier aber nicht schreiben.

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